Hintergründe

Der Pianist Víkingur Ólafsson

Klavierstar. Synästhet. Klangmaler

Víkingur Ólafsson © Ari Magg/Deutsche Grammophon
© Ari Magg/Deutsche Grammophon

Würde man Klavierliebende nach ihrer Lieblingsfarbe fragen, dürften viele dieselbe Antwort geben: Nichts geht über die Magie von Schwarz und Weiß. Schon Claude Debussy nannte sein Spätwerk für zwei Klaviere schlicht En blanc et noir – und ließ in dieser Musik paradoxerweise einen wahrhaften Farbenrausch entstehen.

Berauschende Farben

Víkingur Ólafsson ist auch ein Pianist der berauschenden Farben. Aber es ist kein ekstatisches Rauschen, sondern eines der puren Poesie. Dass Ólafsson über die Gabe der Synästhesie verfügt, also Töne und Tonarten in bestimmten Farben sieht, gehört mittlerweile zu den markenprägenden Klischees über den eigensinnigen isländischen Musiker. Wer das Glück hatte, Ólafsson schon vor Jahren im kleinen Kreis zu erleben, wird sich daran erinnern, wie absolut unprätentiös der Pianist damals seine Verblüffung beschrieb, als er, noch ein Kind, erfuhr, dass nicht alle Menschen in der Musik diese eindeutigen Farben hören. Er schien immer noch darüber zu staunen. Und dieses Staunen, diese tiefe Verblüffung lässt Ólafssons Klavierspiel bis heute spüren. Dabei leistet es inniglich Großes, auch uns „Farbentaube“, vor denen das Grün des E oder das Rot des G sich schnöde verbirgt, solchen Reichtum hör-sehen zu lassen. 

Wenngleich Ölafsson gelegentlich mit Glenn Gould verglichen wird (den er einmal „den kreativsten Pianis-ten aller Zeiten“ nannte), so stößt diese Parallele bei den Temperamenten an ihre Grenze. Das offensiv Exzentrische zumal des späten Gould geht dem sanften lsländer ab, und Ölafssons Scheu ist dennoch menschen-und publikumstauglich. Zwar lotet auch Ólafsson die technischen Möglichkeiten der Studioproduktion hartnäckig aus (seine Alben unter Kopfhörer sind eine Näheerfahrung sondergleichen), aber das Studio ist ihm nicht wie Gould Exil geworden. Ganz im Gegenteil gelingt es Ólafsson, die Magie des Rückzugs nach innen auch in den öffentlichen Ort Konzertsaal zu teleportieren. Und so kann sich bei seinen Auftritten etwas Außergewöhnliches wie kollektive Kontemplation ereignen, das absolute Bei-sich-Sein nicht nur des Interpreten, sondern ebenso jedes Zuhörenden. 

Auch Musik von John Adams oder Philip Glass, den beiden amerikanischen „Minimalisten" (was ein viel zu enges Etikett für die Musik dieser Wonnesuchenden ist), hätte Glenn Gould wohl kaum gespielt, rümpfte er ja selbst über Mozart die Nase. Wobei Ölafsson einmal erzählte, dass er sich als achtjähriger Klavierschüler wutentbrannt mit einem Stift auf die Noten von Mozarts Sonata facile gestürzt habe, weil das leichte, wie er damals feststellte, verteufelt schwer ist – eine Erkenntnis, die ihn vielleicht zu den beiden Amerikanern ziehen musste. Mit Adams ist Ólafsson auch persönlich vertraut, der Komponist widmete ihm 2025 das Klavierkonzert After the Fall. Und mit Musik von Glass erlebte er seinen künstlerischen Durchbruch: 2017 veröffentlichte er ein reines Glass-Album zu dessen achtzigstem Geburtstag und gratuliert ihm nun im Konzert zum neunzigsten. Über seine Verlebendigung der Glass-Musik schreibt Ólafsson: 

Sie ist kein zu Stein gewordenes Denkmal, sondern eine lebendige, sich stetig verändernde Landschaft, ein Wald voller Eindrücke, voller Farben, Gerüche und Klänge.

Auch hier also die Metamorphose der Sinne, in der das Hören mit dem Sehen und Riechen in eins fließt. Das Tasten versteht sich bei einem Pianisten wohl von selbst, und Ólafsson gehört zu jenen Klavierspielern, bei deren sanfter Klavierberührung einem die grobe Peinlichkeit des deutschen Begriffs „anschlagen“ so richtig bewusst wird. Da „schlägt“ nichts, sondern es streichelt, liebkost, singt. 

 

So, wie steinerne Denkmäler zu lebendiger Landschaft werden, überbrückt Ólafsson auch die Jahrhunderte zwischen den Komponisten Jean-Philippe Rameau und Claude Debussy spielerisch leicht. In einem Gespräch mit dem RONDO-Magazin erzählt er über diese französische Kombination: 

„Ich höre da so viele Gemeinsamkeiten, vor allem wenn ich beide auf einem modernen Flügel spiele, da ist eine ähnliche Freiheit, eine Neugier auf unerhörte Harmonien, eine Klarheit und Lust auf Schönheit. Da ist kein Zwang. Denn Debussy liebte Barockmusik, Rameau ganz besonders. ( ... ) Er, der jüngere, war ein Revolutionär, der sich offen über die Tradition hinwegsetzte, und der ältere ein Musiker, der das Kräftespiel der funktionalen Harmonik definierte. Beide besaßen eine seltene Form von unnachgiebiger geistiger Unabhängigkeit – eine Form, die Paradigmen verschiebt.“ 

Dass all dies – Unnachgiebigkeit, Verschieben von Paradigmen – auf friedfertige, lyrische Weise gelingen kann, ist auch in Ólafssons Klavierspiel zu erleben. Staunend über den unendlichen Farbenreichtum, der sich in Schwarz und Weiß verbirgt. Vikingur Ólafsson ist ihr Entberger.